Kaltblutpferde sind groß und brauchen sicher viel Futter?

Kaltblutpferde wurden für schwere Arbeit gezüchtet

Kaltblüter sind keine XXL-Versionen von Warmblütern (Sportpferde). Kaltblutpferde wurden früher in der Landwirtschaft, bei Waldarbeiten und schweren Transporten benötigt. Dort mussten sie viele Stunden arbeiten und bekamen nur eingeschränkt die Möglichkeit zu fressen. Sie wurden stoffwechselphysiologisch auf Effizienz programmiert und reagieren entsprechend sensibel auf moderne Fütterung (und zu wenig Bewegung). In meiner täglichen Arbeit mit schweren Rassen sehe ich immer wieder dieselben Fehler: Es wird zu viel Energie gefüttert, zu viel Stärke eingesetzt und zu wenig Bewegung eingeplant. Am Ende entstehen Stoffwechselprobleme, die vermeidbar gewesen wären.

Sparmodus vs. Sportmotor

Ein Warmblut ist züchterisch auf Leistung, Reaktivität und Sport ausgelegt. Es verbrennt Energie schneller, baut Muskulatur leichter auf und toleriert höhere Kraftfuttermengen deutlich besser.

Ein Kaltblut hingegen ist genetisch ein Energiesparer. Seine Aufgabe war jahrhundertelang schwere Zugarbeit mit möglichst geringem Futtereinsatz. Das bedeutet eine besonders effiziente Futterverwertung, eine stärkere Neigung zur Fetteinlagerung, eine ausgeprägte Insulinsensitivität sowie einen geringeren Grundumsatz pro Kilogramm Körpergewicht.

In der Praxis sehe ich häufig, dass ein 800 Kilogramm schweres Kaltblut automatisch „etwas mehr“ bekommt als ein 600 Kilogramm schweres Warmblut, nur weil es größer ist. Tatsächlich bräuchte es proportional oft weniger Energie pro Kilogramm Körpermasse.

Kaltblutpferde in der Landwirtschaft

Energiebedarf - Gewicht ist nicht alles

Viele Halter berechnen die Ration ausschließlich anhand des Körpergewichts. Das greift jedoch zu kurz. 

Ein Freizeit-Kaltblut mit 800 Kilogramm Körpergewicht, das drei- bis viermal pro Woche moderat bewegt wird, benötigt häufig nicht mehr Energie als ein 600 Kilogramm schweres Warmblut mit vergleichbarer Arbeit. In manchen Fällen liegt der Bedarf sogar darunter.

Typischerweise zeigt sich folgendes Bild: Ein Warmblut verliert im Training relativ schnell an Substanz und benötigt gezielt zusätzliche Energie. Ein Kaltblut hingegen setzt trotz moderater Arbeit Fettpolster an, wenn die Energiezufuhr nicht angepasst wird.

Mein Grundsatz lautet daher: Zuerst den Körperzustand beurteilen, dann füttern.

Wenn die Rippen dauerhaft nicht mehr tastbar sind, sich Fettpolster am Mähnenkamm oder am Schweifansatz bilden und die Gurtlage weich wird, ist die Energiezufuhr in der Regel bereits zu hoch.

Kraftfutter der häufigste Fehler

Der größte Unterschied zwischen Kalt- und Warmblütern zeigt sich bei der Stärkeverträglichkeit.

Warmblüter im Sport kommen mit moderaten Getreidemengen meist gut zurecht, da ihr Muskelstoffwechsel auf schnelle Energiegewinnung ausgelegt ist.

Kaltblüter reagieren dagegen deutlich empfindlicher auf hohe Stärkegehalte, auf zuckerreiche Rationen und auf schnelle Insulinspitzen. Die möglichen Folgen reichen von Übergewicht über das Equine Metabolische Syndrom bis hin zu Hufrehe, Leistungseinbrüchen und Muskelproblemen.

In vielen Fällen streiche ich bei Kaltblütern das Getreide komplett, zumindest solange keine schwere körperliche Arbeit geleistet wird. Energie wird dann vorrangig über strukturreiche Fasern ergänzt. Falls zusätzlicher Energiebedarf besteht, können hochwertige Öle in moderater Menge eingesetzt werden.

Wichtig ist jedoch: Nicht jedes Kaltblut benötigt Öl. Fast jedes benötigt jedoch weniger Stärke, als zunächst angenommen wird.

Kaltblüter bekommt Kraftfutter

Typische Stoffwechselprobleme bei Kaltblütern

EMS - Das schleichende Problem

Schwere Rassen entwickeln deutlich häufiger ein Equines Metabolisches Syndrom. Erste Anzeichen sind ein ausgeprägter Fettkamm, regionale Fettpolster, wiederkehrende Hufprobleme sowie eine auffällige Trägheit.

Zucker und Stärke aus dem Gras der Weide, dem Heu und dem Kraftfutter werden durch Arbeit nicht verbraucht und durch eine Insulinresistenz in Fett umgewandelt.

In der Mehrzahl der Fälle liegt die Ursache in einer jahrelangen Überversorgung mit Energie.

Kaum jemand weiß, dass Heu 10 % und mehr Zucker enthält. Das klingt nicht viel, aber 10 % bedeutet: 1 kg Zucker in 10 kg Heu. Kaltblutpferde erhalten häufig sehr viel mehr. Von 1,5-2 % des Körpergewichtes ist oft die Rede oder von ad libitum, sprich immer Heu zur freien Verfügung.

Für ein täglich arbeitendes Pferd sind 1-2 kg Zucker kein Problem, weil es diesen in Energie umwandelt und verbraucht.

Im Stall oder auf dem Paddock stehend, wird es aber übergewichtig und krank werden.

Hufrehe - das größte Risiko

Kaum ein Thema beschäftigt Kaltblutbesitzer mehr als die Hufrehe. Diese folgt mit Gewissheit auf hohes Übergewicht, EMS und Insulinresistenz. Fürs Pferd ist diese äußerst schmerzhaft. Es kann einige Zeit nicht bewegt werden und muss sehr sparsam gefüttert werden. Dazu wird es immer anfällig bleiben, wieder einen neuen Schub einer Hufrehe zu bekommen. Die Hufrehe ist nach der Kolik die zweithäufigste Todesursache bei Pferden. Besonders kritisch sind das frische Frühjahrsgras, zuckerreiche Heulagen sowie zu lange Weidezeiten. Aber auch das Heu kann sehr viel Zucker enthalten. Dies muss dann über eine Heuanalyse festgestellt werden.

Auch wenn die Kaltblüter heute oft nur noch gelegentlich zu Show-Zwecken ihre Kraft zeigen können, müssten sie mehrmals die Woche gearbeitet werden. 

arbeitende Pferde werden nicht dick und so schnell krank

Muskelerkrankungen wie PSSM – bei vielen Kaltblutrassen relevant

PSSM ist eine genetisch bedingte Zuckerstoffwechselstörung. Besonders bei Rassen wie dem Belgischen Kaltblut, dem Shire Horse oder dem Percheron tritt PSSM gehäuft auf. Es gibt aber auch zahlreiche andere genetisch bedingte Muskelerkrankungen, die entsprechend erst diagnostiziert werden müssen.

Hier spielt die Fütterung eine entscheidende Rolle. Wichtig sind eine möglichst zucker- und stärkearme Ration. Diese Tiere haben einen erhöhten Bedarf an Mineralien (Mengen- und Spurenelementen), Omega-3-Fettsäuren und Antioxidantien. Das Grundfutter muss rohfaserreich sein, gleichmäßig über 24 Stunden verteilt werden und das Pferd sollte nicht mehr in Boxen gehalten werden.

Ich habe mehrere PSSM-Pferde allein durch eine konsequente Rationsumstellung in Kombination mit angepasstes Training stabilisieren können.

Fazit: Individuell denken statt pauschal füttern

Kaltblüter sind beeindruckende und leistungsfähige Pferde, aber sie sind keine groß geratenen Warmblüter. Wer ihre genetische Stoffwechselprägung ignoriert, riskiert langfristig ernsthafte Probleme.

Rassegerechte Fütterung bedeutet: Rationsberechnung, um Energie bewusst zu dosieren, Mineralstoffe gezielt einzusetzen und Bewegung konsequent einzuplanen.

Aus meiner Erfahrung lässt sich ein Großteil der Stoffwechselerkrankungen bei Kaltblütern vermeiden, wenn frühzeitig richtig gefüttert wird.

Am Ende entscheidet nicht die Futtermenge über Gesundheit, sondern das Verständnis für den individuellen Stoffwechsel deines Pferdes.

Autor: Heiko Fröhlich

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