Natürlich füttern – aber bitte bedarfsdeckend
BARF gehört inzwischen ganz selbstverständlich zu den bekannten Formen der Hundeernährung. Viele Hundehalter möchten wissen, was im Napf ihres Hundes landet, möglichst naturbelassen füttern und die Ration individuell zusammenstellen. Das kann ich gut verstehen. Auch ich halte es für wichtig, sich bewusst mit der Ernährung des eigenen Tieres auseinanderzusetzen.
Aber „natürlich“ bedeutet nicht automatisch „bedarfsdeckend“.
In meiner Arbeit als Tierernährungsberaterin und Tierheilpraktikerin begegnen mir immer wieder Hunde, die mit viel Liebe frisch gefüttert werden, deren Ration bei genauer Berechnung aber erstaunliche Lücken oder Überschüsse zeigt. Nicht jede Auffälligkeit eines Hundes wird durch seine Fütterung verursacht. Dennoch lohnt sich ein genauer Blick in den Napf, wenn etwa Verdauungsprobleme, morgendliche Übelkeit, auffälliges Grasfressen, Gewichtsprobleme oder Veränderungen von Haut und Fell auftreten.
Für mich ist BARF deshalb kein starres Fütterungskonzept, sondern eine mögliche Form der Frischfütterung. Ob sie gut ist, entscheidet sich nicht an ihrem Namen, sondern daran, ob sie zum jeweiligen Hund passt und ihn zuverlässig versorgt.
Was bedeutet BARF eigentlich?
Unter BARF versteht man heute meist eine Rohfütterung aus verschiedenen tierischen Komponenten wie Muskelfleisch, Innereien und teilweise rohen fleischigen Knochen. Ergänzt werden diese häufig durch pflanzliche Bestandteile, Öle und gegebenenfalls Nahrungsergänzungen.
Oft orientiert sich die Zusammenstellung gedanklich am Aufbau eines Beutetieres. Das klingt zunächst schlüssig. Ein Stück Rindfleisch zusammen mit Leber, Gemüse und einem Knochen bildet jedoch noch kein vollständiges Beutetier nach. Auch feste Empfehlungen wie „80 Prozent tierisch und 20 Prozent pflanzlich“ sagen für sich allein wenig darüber aus, ob der individuelle Nährstoffbedarf tatsächlich gedeckt wird.
Die entscheidende Frage lautet für mich daher nicht:
Entspricht diese Ration einem bestimmten BARF-Modell?
Sondern:
Versorgt diese Ration genau diesen Hund mit allem, was er benötigt?
Der Hund ist kein Wolf mit Hundemarke
Der Vergleich mit dem Wolf gehört für viele Menschen fest zum BARF-Konzept. Doch unser Haushund lebt seit Jahrtausenden an der Seite des Menschen. Er ist nicht nur äußerlich vielfältiger geworden, sondern hat sich auch an das Zusammenleben und an andere Ernährungsbedingungen angepasst. Hunde können beispielsweise Stärke besser verwerten als Wölfe. Gut gegarte Kartoffeln, Reis, Hirse oder andere geeignete Kohlenhydratquellen sind deshalb nicht grundsätzlich „unartgerecht“.
Die meisten unserer Hunde jagen keine vollständigen Beutetiere. Sie leben mit uns im Haus, schlafen auf dem Sofa, bewegen sich anders als ein freilebender Wolf und erhalten ihre Mahlzeiten zuverlässig aus dem Napf. Etwas zugespitzt gesagt: Sie leben wie Haushunde, sollen nach manchen BARF-Modellen aber fressen wie Wölfe.
Das bedeutet nicht, dass Rohfütterung grundsätzlich ungeeignet wäre. Es bedeutet lediglich, dass der Wolf nicht die einzige Messlatte für eine zeitgemäße und bedarfsgerechte Hundeernährung sein kann. Entscheidend ist nicht, wie überzeugend eine Ration einem theoretischen Beutetiermodell folgt, sondern ob sie zum tatsächlichen Hund passt.
Warum eine BARF-Ration trotz guter Zutaten unausgewogen sein kann
Ein Hund benötigt neben Energie und Protein unter anderem essenzielle Fettsäuren, Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine. Entscheidend ist nicht nur, ob ein Nährstoff grundsätzlich enthalten ist, sondern auch, in welcher Menge er aufgenommen wird und wie verschiedene Nährstoffe zueinander stehen.
Typische Schwachstellen selbst zusammengestellter Rationen können beispielsweise sein:
- eine unpassende Calcium- und Phosphorversorgung
- eine unzureichende Versorgung mit Jod, Zink oder Kupfer
- zu wenig oder zu viel Vitamin A oder Vitamin D
- eine ungünstige Versorgung mit essenziellen Fettsäuren
- eine Energiezufuhr, die nicht zum tatsächlichen Bedarf des Hundes passt
Dabei gibt es keine Ration, die zu jedem Hund gleichermaßen passt. Ein wachsender Hund stellt besonders hohe Anforderungen an Energie- und Mineralstoffversorgung. Ein junger, aktiver Hund hat andere Bedürfnisse als ein gemütlicher Senior. Bei Übergewicht, Erkrankungen oder Unverträglichkeiten müssen wiederum andere Schwerpunkte gesetzt werden.
Eine gute Ration entsteht deshalb nicht durch ein festes BARF-Schema, sondern durch die passende Kombination geeigneter Futtermittel auf Grundlage des individuellen Bedarfs.
Braucht BARF Nahrungsergänzungen?
Diese Frage wird mir häufig gestellt. Meine Antwort lautet: Es kommt auf die Ration an.
Viele Nährstoffe lassen sich über natürliche Futtermittel zuführen. In der Praxis muss jedoch überprüft werden, ob damit tatsächlich die benötigten Mengen erreicht werden – und ob dabei nicht gleichzeitig andere Nährstoffe zu hoch aufgenommen werden.
Ein klassisches Beispiel ist Leber. Sie ist ein wertvolles Futtermittel und liefert unter anderem Vitamin A. „Viel hilft viel“ wäre hier allerdings der falsche Ansatz. Auch Seealgen, Öle, Knochenmehl, Eierschalenpulver oder Mineralstoffpräparate sollten nicht nach Gefühl dosiert werden.
Nahrungsergänzungen sind weder grundsätzlich schlecht noch automatisch notwendig. Sie sind Werkzeuge. Ich setze sie dort ein, wo sich der Bedarf mit den verwendeten Lebensmitteln nicht sinnvoll und zuverlässig abdecken lässt.
Genau hier beginnt für mich professionelle Tierernährungsberatung: nicht möglichst viele Pulver in den Napf geben, sondern so viel wie nötig und so wenig wie möglich – passend berechnet.
Knochen, Innereien und rohes Fleisch: sinnvoll, aber mit Sachverstand
Innereien sind wertvolle Nährstofflieferanten, unterscheiden sich aber deutlich in ihrer Zusammensetzung. Leber, Niere, Milz, Herz und Lunge sind deshalb nicht beliebig austauschbar. Auswahl und Menge sollten zur Gesamtration passen.
Auch Pansen und andere Bestandteile des Verdauungstraktes werden beim BARF häufig mit dem natürlichen Beutetier begründet. Dabei lohnt sich ein genauerer Blick: Pansen ist nicht gleich Pansen. Tierart, Alter, Fütterung und Verarbeitung beeinflussen sowohl seine Beschaffenheit als auch seinen Inhalt. Was das für die Fütterung des Hundes bedeutet, erläutere ich ausführlich im Beitrag „Pansen für Hunde: Was grüner Pansen wirklich leistet“
Knochen können Calcium und weitere Mineralstoffe liefern, sind jedoch nicht für jeden Hund geeignet und grundsätzlich nicht ohne Risiko. Zu große Mengen können sehr harten Kot bis hin zur Verstopfung verursachen; ungeeignete Knochen können Zähne oder Verdauungstrakt schädigen. Die Calciumversorgung lässt sich alternativ über passend dosiertes Knochenmehl, Eierschalenpulver oder andere geeignete Calciumquellen sicherstellen.
Bei rohem Fleisch gehört außerdem eine konsequente Küchenhygiene dazu. Rohes Fleisch kann mit Krankheitserregern belastet sein. Das ist besonders in Haushalten mit kleinen Kindern, älteren oder immungeschwächten Menschen relevant. Rohes Wildschweinfleisch darf wegen des möglichen Aujeszky-Risikos keinesfalls verfüttert werden. Auch bei rohem Schweinefleisch rate ich aus Vorsorgegründen von der Verfütterung ab.
Ein Futtermittel kann also grundsätzlich geeignet sein und trotzdem in der falschen Menge oder Kombination Bestandteil einer unausgewogenen Ration werden.
Wie viel Fleisch braucht eine gute Hunderation?
Eine bedarfsgerechte Fütterung muss nicht automatisch aus möglichst viel Fleisch bestehen. Entscheidend sind Qualität, Verdaulichkeit, Nährstoffgehalt und die Zusammensetzung der gesamten Ration.
Auch Herkunft und Haltung der Schlachttiere dürfen dabei eine Rolle spielen. Ich halte es für sinnvoller, eine bedarfsgerecht berechnete Menge geeigneter tierischer Lebensmittel einzusetzen, als besonders hohe Fleischanteile allein mit vermeintlicher Natürlichkeit zu begründen.
Gut verträgliche Kohlenhydratquellen können Bestandteil einer ausgewogenen Frischfütterung sein. Sie liefern Energie und ermöglichen es, die Protein- und Energieversorgung passend aufeinander abzustimmen. Ob und in welcher Menge sie eingesetzt werden, richtet sich nach dem einzelnen Hund – nicht nach einem Glaubenssatz.
Das gilt ebenso für Gemüse, Öle und tierische Fette. Fettes Fleisch liefert mehr Energie, mageres Fleisch im Verhältnis dazu mehr Protein. Für die Fettsäureversorgung reicht die Angabe „ein Schuss Öl“ nicht aus: Es kommt darauf an, welche Fettsäuren in der übrigen Ration enthalten sind und welche gezielt ergänzt werden müssen.
BARF berechnen statt nach Rezept füttern
Wenn ich eine Ration beurteile, schaue ich deshalb nicht zuerst auf ein bestimmtes BARF-Modell. Ich erfasse den Hund und seine gesamte Fütterung.
Alter, Gewicht, Ernährungszustand, Aktivität, Lebensphase und gegebenenfalls gesundheitliche Besonderheiten spielen dabei ebenso eine Rolle wie die tatsächlich verfütterten Mengen. Auch Leckerlis, Kauartikel und regelmäßig gefütterte Extras gehören zur Gesamtration.
Anschließend lässt sich der errechnete Nährstoffbedarf der Versorgung durch die Ration gegenüberstellen. So wird aus „Das müsste eigentlich passen“ eine nachvollziehbare Rationsberechnung.
Genau dafür habe ich den G&H Rationsrechner für Hund und Katze entwickelt. Mit ihm lassen sich BARF-, Koch-, Fertigfutter- und Mischrationen auf Grundlage etablierter Bedarfswerte überprüfen und gezielt optimieren.
Das Ergebnis ist häufig ausgesprochen spannend. Manchmal muss eine Ration gar nicht komplett verändert werden. Vielleicht fehlt nur eine geeignete Calciumquelle, die Jodversorgung passt nicht oder die Fettsäuren könnten sinnvoll ergänzt werden. In anderen Fällen zeigt die Berechnung, dass eine grundsätzlich gut gemeinte Zusammenstellung deutlicher angepasst werden sollte.
Die Mischung macht’s
Nicht jeder Hund kommt mit einer klassischen BARF-Ration am besten zurecht. Für manche eignet sich gekochtes Futter besser. Andere erhalten eine sinnvolle Kombination aus Fertigfutter und frischen Komponenten. Auch eine handgefertigte Mischkost kann eine sehr gute Lösung sein, wenn sie bedarfsgerecht zusammengestellt wird.
Dabei darf die Fütterung nicht nur zum Hund, sondern auch zum Menschen passen. Zeit, Lagerungsmöglichkeiten, Kosten, Alltag und die sichere praktische Umsetzung gehören zu einer ehrlichen Ernährungsberatung dazu. Ein theoretisch perfekter Plan hilft wenig, wenn er dauerhaft nicht umsetzbar ist.
Für mich bedeutet individuelle Fütterung deshalb nicht, einem bestimmten Konzept möglichst genau zu folgen. Sie bedeutet, aus geeigneten Möglichkeiten die Lösung zu entwickeln, die den Hund zuverlässig versorgt und vom Halter langfristig umgesetzt werden kann.
BARF ist kein Glaubenssatz
Ich halte wenig davon, Hundeernährung in Lager einzuteilen. BARF ist nicht automatisch gesund und Fertigfutter nicht automatisch schlecht. Genauso wenig muss jeder Hund roh gefüttert werden.
Manche Hunde kommen hervorragend mit einer gut zusammengestellten BARF-Ration zurecht. Für andere ist eine gekochte Ration besser geeignet. Wieder andere werden mit einem passenden Alleinfuttermittel oder einer durchdachten Kombination verschiedener Fütterungsformen gut versorgt.
Nach vielen Jahren in der Tierernährung ist mir eines besonders wichtig geworden:
Nicht die Bezeichnung der Fütterungsart entscheidet über ihre Qualität, sondern die tatsächliche Versorgung des Tieres.
Wer professionell als Hundeernährungsberater arbeitet, sollte solche Zusammenhänge nicht nur kennen, sondern berechnen, verständlich erklären und daraus individuelle Lösungen entwickeln können. In meiner Ausbildung zum Hundeernährungsberater lernst du deshalb, den Bedarf eines Hundes zu ermitteln, Rationen zu berechnen und unterschiedliche Fütterungsformen fachlich zu beurteilen.
Denn am Ende geht es nicht darum, nach welchem Konzept wir füttern.
Es geht darum, was tatsächlich im Hund ankommt.