Pferdegewicht berechnen: So vermisst du dein Pferd richtig
Das Körpergewicht eines Pferdes ist die Grundlage vieler Fütterungsentscheidungen. Heumenge, Energie- und Nährstoffbedarf, Dosierungen und Gewichtskontrollen lassen sich nur sinnvoll beurteilen, wenn das Gewicht möglichst realistisch eingeschätzt wird. Trotzdem kennen viele Pferdehalter das tatsächliche Gewicht ihres Pferdes nicht. Ein Blick auf Größe, Rasse oder Körperbau reicht dafür nicht aus.
Am zuverlässigsten ist immer eine Pferdewaage. Steht keine Waage zur Verfügung, kann das Gewicht mithilfe definierter Körpermaße und geeigneter Formeln geschätzt werden. Entscheidend ist dabei nicht nur die Formel, sondern vor allem die Qualität der Messung: Schon wenige Zentimeter Unterschied können das Ergebnis merklich verändern.

Warum das Pferdegewicht für die Fütterung wichtig ist
Der Bedarf eines Pferdes wird nicht allein nach dem Gewicht berechnet. Auch Haltung, Leistung, Alter, Pferdetyp und Ernährungszustand spielen eine Rolle. Das Körpergewicht bleibt dennoch ein zentraler Ausgangswert. Wer bei einem 500-Kilogramm-Pferd um 50 Kilogramm danebenliegt, verschiebt damit bereits die Grundlage für die Berechnung der Ration.
Zusätzlich sollte das Gewicht nie isoliert beurteilt werden. Ein Pferd kann bei ähnlichem Gewicht mehr Muskulatur, mehr Fettgewebe oder einen deutlich anderen Körperbau haben. Deshalb ergänzen sich Gewicht und Body Condition Score, kurz BCS: Das Gewicht beschreibt die Masse, der BCS hilft bei der Einschätzung des Ernährungszustands.
Passender Hintergrundartikel: Ist mein Pferd zu dick? BCS-Messung beim Pferd
Die Pferdewaage bleibt der beste Maßstab
Wenn du die Möglichkeit hast, dein Pferd zu wiegen, solltest du sie nutzen. Mobile Pferdewaagen sind inzwischen auf vielen Veranstaltungen, in Ställen oder über regionale Anbieter verfügbar. Ein Waagengewicht ist nicht nur für die aktuelle Rationsberechnung wertvoll. Regelmäßig dokumentiert zeigt es auch, ob das Pferd über Wochen oder Monate zu- oder abnimmt.
Formeln ersetzen die Waage nicht. Sie sind jedoch eine gute praktische Lösung, wenn korrekt gemessen wird und die Ergebnisse realistisch eingeordnet werden. Besonders hilfreich ist es, mehrere Berechnungsverfahren miteinander und – wenn möglich – gelegentlich mit einem tatsächlichen Waagengewicht zu vergleichen.
Vor dem Messen: So erhältst du brauchbare Werte
Das Pferd sollte auf festem, ebenem Boden gerade stehen. Die Beine stehen möglichst gleichmäßig belastet, der Hals befindet sich in einer natürlichen Position. Für längere Maße sind zwei Personen sinnvoll: Eine Person hält den Anfangspunkt, die zweite führt das Maßband oder den Strick am Pferd entlang.
- Miss jeden Wert möglichst zweimal und – wo es sinnvoll ist – auf beiden Körperseiten
- Bilde aus den Einzelmessungen einen Mittelwert
- Lege das Maßband an, ohne es in Haut, Fell oder Muskulatur hineinzuziehen
- Orientiere dich an klaren knöchernen Messpunkten und miss jeweils von der Mitte des Knochens
- Notiere die Werte sofort und verwende bei Verlaufskontrollen möglichst dieselbe Methode
Hast du kein ausreichend langes Pferdemaßband, kannst du die Strecke zunächst mit einem nicht dehnbaren Strick abnehmen. Anschließend legst du den Strick gerade auf den Boden und misst ihn mit einem normalen Maßband nach.
Wichtige Maße für die Gewichtsschätzung
Brustumfang BU
Der Brustumfang wird in der Gurtlage ermittelt. Das Maßband läuft senkrecht um den Rumpf. Es sollte glatt anliegen, aber nicht festgezogen werden. Bei Pferden mit ausgeprägtem Widerrist nur das letzte Drittel des Widerrists einbeziehen. Weil der Brustumfang in mehreren Formeln eine große Rolle spielt, wirken sich Messfehler hier besonders deutlich aus.
Körperlänge KL
Die Körperlänge wird von der Mitte des Buggelenks bis zur Mitte des Sitzbeinhöckers gemessen. Nicht die Fellkante oder eine weich erscheinende Kontur ist der Messpunkt, sondern jeweils die Mitte der tastbaren Knochenstruktur. Miss links und rechts und verwende den Mittelwert.

Stockmaß STM und Bandmaßhöhe BM
Beim Stockmaß wird die senkrechte Höhe vom Boden bis zum höchsten Punkt des Widerrists gemessen. Dafür eignet sich ein Stockmaß mit Querarm. Das Pferd muss gerade stehen; der Untergrund sollte eben sein.
Die Bandmaßhöhe ist nicht dasselbe. Hier wird von der Mitte des Widerrists entlang der Körperkontur bis zum Boden gemessen. Dieser Wert ist durch den Verlauf über den Körper größer als das senkrechte Stockmaß.
Damit im Artikel und auf dem Messblatt keine Verwechslung entsteht, verwende ich die eindeutigen Bezeichnungen „Stockmaß, senkrecht gemessen“ und „Widerristhöhe mit dem Band gemessen“.

Weitere Maße für die differenzierte Berechnung
Für die umfangreichere Gewichtsschätzung werden zusätzlich Halsumfang, Röhrbeinumfang, die Strecke von der Mitte des Fesselkopfs bis zum Ellenbogen und der BCS benötigt. Diese Werte tragen dazu bei, den Pferdetyp besser abzubilden. Ein kräftiges, kompaktes Pferd und ein feingliedriges Pferd können bei ähnlicher Körperlänge und Widerristhöhe sehr unterschiedliche Gewichte haben.
Den Körperumfang ohne vier Meter langes Maßband bestimmen
Der in den Schramme-Gleichungen verwendete Körperumfang ist nicht mit dem Brustumfang zu verwechseln. Gemeint ist ein längs um den Pferdekörper verlaufendes Maß. Dafür wäre ein sehr langes Maßband erforderlich. Praktisch lässt sich der Körperumfang aus vier Teilstrecken zusammensetzen:
Körperumfang = Buggelenk–Buggelenk + Körperlänge links + Sitzbeinhöcker–Sitzbeinhöcker + Körperlänge rechts
Wenn die Körperlänge auf beiden Seiten annähernd gleich ist, kann vereinfacht mit dem doppelten Mittelwert der Körperlänge gerechnet werden:
Körperumfang = Buggelenk–Buggelenk + 2 × Körperlänge + Sitzbeinhöcker–Sitzbeinhöcker
Auch bei diesen Quermaßen gilt: von der Mitte des linken knöchernen Messpunkts bis zur Mitte des entsprechenden rechten Messpunkts messen. Wird der Strick nur über die äußere Körperkontur gelegt oder seitlich am Gelenk angesetzt, entsteht ein systematischer Messfehler.

Zwei einfache Formeln zur Schätzung des Pferdegewichts
Formel nach Carroll und Huntington
Gewicht in kg = Brustumfang² in cm × Körperlänge in cm ÷ 11.877
Diese Formel ist leicht anzuwenden und benötigt nur Brustumfang und Körperlänge. Sie eignet sich gut für eine erste Orientierung. Ihre Aussagekraft hängt jedoch davon ab, wie gut der individuelle Pferdetyp durch diese beiden Maße abgebildet wird.
Formel nach Ellis
Gewicht in kg = (Brustumfang in cm × 4,3) + (Stockmaß in cm × 3) – 785
Auch diese Berechnung ist vergleichsweise unkompliziert. Sie ergänzt den Brustumfang um das senkrecht gemessene Stockmaß. Wie bei jeder Schätzformel sollte das Ergebnis nicht als exakter Waagenwert verstanden werden.
Warum es bei Schramme mehrere Formeln gibt
Die Berechnung nach Schramme arbeitet differenzierter. Es gibt nicht eine einzige Gleichung für alle Pferde. Welche Formel verwendet wird, hängt vom ermittelten Körperumfang ab. Die Körperumfänge werden verschiedenen Größenbereichen zugeordnet. Für jeden Bereich gilt eine eigene Gleichung.
In die Berechnung fließen – abhängig vom Größenbereich – neben Körper- und Brustumfang weitere Werte wie Halsumfang, Röhrbeinumfang, Bandmaßhöhe, die Strecke zwischen Fesselkopf und Ellenbogen oder der BCS ein. Dadurch kann der Körperbau des Pferdes genauer berücksichtigt werden als bei einfachen Formeln, die nur mit wenigen Maßen arbeiten.
Die vollständigen Gleichungen müssen Pferdehalter nicht von Hand auswählen und ausrechnen. Im Rationsrechner gibst du die gemessenen Werte ein. Die App ordnet den Körperumfang automatisch dem passenden Bereich zu, wählt die dafür vorgesehene Schramme-Formel und berechnet daraus das geschätzte Gewicht.
Kostenloses Messblatt zum Ausdrucken
Damit beim Vermessen kein Wert vergessen wird, habe ich ein übersichtliches Mess- und Rechenblatt erstellt. Darauf kannst du die Messungen beider Körperseiten, Wiederholungsmessungen, Mittelwerte und die Ergebnisse der verschiedenen Berechnungen eintragen.
Messblatt „Pferdegewicht bestimmen“ kostenlos herunterladen
Gewicht regelmäßig kontrollieren und richtig einordnen
Ein einzelner Wert ist nur eine Momentaufnahme. Aussagekräftiger wird die Gewichtskontrolle, wenn du immer unter ähnlichen Bedingungen misst und die Werte dokumentierst. So erkennst du Veränderungen früher – auch dann, wenn sie unter Winterfell oder bei einem langsam verlaufenden Gewichtsverlust mit bloßem Auge kaum auffallen.
Bewerte das Gewicht gemeinsam mit BCS, Muskulatur, Fütterung und Leistungszustand. Bei auffälliger Gewichtsabnahme, deutlicher Gewichtszunahme oder gesundheitlichen Veränderungen sollte zusätzlich tierärztlich abgeklärt werden, ob eine Erkrankung beteiligt ist.
Gewichtsberechnung direkt im Rationsrechner
Im Rationsrechner Pferd von G&H Tierernährung, kann die detailierte Schramme-Berechnung für das Körpergewicht eines Pferdes verwendet werden. Anhand des Körperumfangs wird automatisch die passende Formel ausgewählt. Das berechnete Gewicht kann anschließend direkt als Grundlage für die Rationsberechnung genutzt werden.
Den Rationsrechner Pferd kannst du 48 Stunden kostenlos und unverbindlich testen. Es gibt keine automatische Verlängerung.
Fazit
Eine Pferdewaage liefert den verlässlichsten Gewichtswert. Wenn keine Waage verfügbar ist, ermöglichen korrekt aufgenommene Körpermaße eine brauchbare Schätzung. Wichtig sind ein gerader Stand, eindeutige knöcherne Messpunkte, wiederholte Messungen und eine nachvollziehbare Dokumentation. Einfache Formeln liefern eine schnelle Orientierung; die umfangreicheren Schramme-Gleichungen berücksichtigen den Pferdetyp differenzierter und werden im Rationsrechner automatisch passend zum Körperumfang ausgewählt.
Autorin: Heidi Herrmann
Quellenhinweise
GfE (2014): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden, Seite 184. Dort sind die Gleichungen zur Schätzung der Lebendmasse nach Körperumfangsbereichen aufgeführt; Quellenangaben unter anderem Kienzle und Schramme (2004), Hois et al. (2005) und Mack (2006).
Die Formeln nach Carroll und Huntington sowie Ellis werden im Artikel als praktische Schätzverfahren dargestellt. Eine tatsächliche Wiegung bleibt der Referenzwert.