Ist mein Pferd wirklich zu dick – oder sieht es wegen seines runden Bauches nur so aus? Diese Frage lässt sich nicht allein mit einem Blick auf den Bauch beantworten. Ein großer Bauch kann durch viel Raufutter, junges Weidegras, eine schwache Bauchmuskulatur oder auch durch Parasiten entstehen. Über die tatsächlichen Fettreserven sagt er erstaunlich wenig aus.
Um den Ernährungszustand eines Pferdes zuverlässig einzuschätzen, nutze ich deshalb den Body Condition Score, kurz BCS. Zusätzlich sollte der Mähnenkamm mit dem Cresty Neck Score beurteilt werden. Denn ein Pferd kann auffällige, gesundheitlich problematische Fettpolster entwickeln, obwohl sein gesamter Körper noch gar nicht extrem dick wirkt.
Warum Übergewicht beim Pferd nicht nur ein Schönheitsfehler ist
Schon ungefähr zehn Prozent über dem Idealgewicht solltest du nicht als „ein bisschen gut genährt“ abtun. Überschüssiges Fett belastet Gelenke, Sehnen, Kreislauf und Stoffwechsel. Gleichzeitig ist Fettgewebe kein passiver Energiespeicher. Es bildet Hormone und andere Botenstoffe, sogenannte Adipokine, und kann entzündliche Prozesse sowie Störungen des Zucker- und Insulinstoffwechsels begünstigen.
Damit steigt unter anderem das Risiko für:
- Insulindysregulation und Equines Metabolisches Syndrom, kurz EMS
- Hufrehe
- zusätzliche Belastung von Gelenken und Bewegungsapparat
- verminderte Leistungsfähigkeit und schlechtere Wärmeabgabe
Besonders aufmerksam solltest du bei regionalen Fettpolstern werden. Diese sitzen häufig am Mähnenkamm, hinter der Schulter, über den Rippen, an der Kruppe oder rund um den Schweifansatz. Solche Fettdepots können gesundheitlich bedeutsamer sein, als es das Gesamtbild des Pferdes zunächst vermuten lässt.
Was bedeutet BCS beim Pferd?
BCS steht für Body Condition Score. Dabei werden bestimmte Körperregionen betrachtet und vor allem abgetastet. In dem hier verwendeten System reicht die Skala von 1 bis 9:
- BCS 1 bis 3: zu dünn
- BCS 4 bis 6: normaler Ernährungszustand
- BCS 7 bis 9: zu dick bis stark verfettet
Der Gesamtscore ergibt sich aus der Beurteilung mehrerer Körperregionen. Wichtig: Du musst dein Pferd dafür anfassen. Winterfell, Fellfarbe, Körperbau und Muskulatur können den optischen Eindruck erheblich verfälschen.
Auch rassetypische Unterschiede spielen eine Rolle. Ein Friese oder ein kräftiges Pony kann einen ausgeprägteren Hals besitzen als ein Vollblut. Eine gespaltene Kruppe kann durch Fett entstehen, aber ebenso von einer gut entwickelten Muskulatur geprägt sein. Deshalb wird nie nur ein einzelnes Merkmal betrachtet.
So beurteilst du den Body Condition Score
Am Hals achtest du auf die seitliche Kontur und den Fettansatz entlang des Mähnenkamms. Bei einem sehr dünnen Pferd erscheint die Halsfläche eher konkav. Mit zunehmendem Fettansatz wird sie immer stärker nach außen gewölbt.
Das Kammfett am Hals ist besonders bedeutsam, so dass dieser Bestimmung des Cresty Neck Scores hier ein eigener Abschnitt gewidmet wird.
An der Schulter prüfst du, ob sich Schulterblatt und Übergang zum Hals klar ertasten lassen. Bei einem übergewichtigen Pferd lagert sich häufig Fett vor und hinter dem Schulterblatt ab. Die Konturen wirken dadurch weich und fließend.
Über den Rippen sollte sich eine dünne Fettauflage befinden. Bei einem normalgewichtigen Pferd sind die Rippen gewöhnlich nicht deutlich sichtbar, lassen sich aber mit leichtem Druck gut ertasten. Musst du kräftig drücken oder sind die Rippen überhaupt nicht mehr fühlbar, spricht dies für eine zu starke Fettauflage.
Am Rücken können sich Fettpolster beidseits der Wirbelsäule bilden. Bei starkem Fettansatz entsteht eine fühl- und sichtbare Rinne entlang der Rückenlinie. Die Dornfortsätze sind dann nicht mehr zu ertasten.
Die Kruppe ist schwieriger zu beurteilen, denn die Haut ist dort vergleichsweise dick. Eine weiche oder gespalten wirkende Kruppe liefert zwar Hinweise, erlaubt aber keine sichere Unterscheidung zwischen Haut, Fett und Muskulatur.
Besser beurteilen kann man die Hüfte und die davor liegende Flanke. Ist das Pferd zu dünn, spricht man hier gar von einer „Hungergrube“. Ist das Pferd zu dick, spürt man weder den Hüftknochen noch ergibt sich eine gewisse „Taille“.
Aussagekräftiger ist der Bereich am Schweifansatz. Dort befindet sich wenig Muskulatur, sodass Fettpolster gut ertastet werden können. Bei einem normalgewichtigen Pferd verläuft die Linie vom Schweifansatz zum Sitzbeinhöcker annähernd gerade. Bei einem dünnen Pferd ist sie nach innen, bei einem übergewichtigen Pferd nach außen gewölbt. Ausgeprägtes Fett fühlt sich weich und leicht eindrückbar an.
Cresty Neck Score: den Mähnenkamm gesondert beurteilen
Der Cresty Neck Score, kurz CNS, bewertet gezielt das Fettdepot am Mähnenkamm. Er ergänzt den BCS, ersetzt ihn aber nicht. Gerade bei Pferden mit EMS oder Insulindysregulation kann sich am Hals ein auffälliges Fettpolster bilden, obwohl der übrige Körper weniger stark verfettet erscheint.
Für die Beurteilung führst du den Kopf des Pferdes entspannt nach unten und tastest den gesamten Mähnenkamm ab. Beurteilt werden Höhe, Festigkeit, Beweglichkeit und Form:
- CNS 0: kein sicht- oder fühlbarer Fettkamm
- CNS 1: leichter Fettansatz, der Mähnenkamm bleibt weich und unauffällig
- CNS 2: der Kamm ist sichtbar, aber noch gut beweglich
- CNS 3: deutlich verdickter und fester Mähnenkamm
- CNS 4: stark ausgeprägter Kamm, der sich kaum noch seitlich bewegen lässt
- CNS 5: sehr großer Fettkamm, der dauerhaft zu einer Seite fallen kann
Ein höherer und festerer Mähnenkamm ist besonders im Zusammenhang mit Insulindysregulation und EMS problematisch. Auch bei Gewichtsabnahme kann dieses regionale Fettdepot hartnäckig bleiben. Einen deutlich ausgeprägten oder verhärteten Mähnenkamm solltest du deshalb ernst nehmen und bei Bedarf tierärztlich abklären lassen.
BCS und Gewicht regelmäßig dokumentieren
Eine einzelne Beurteilung ist nur eine Momentaufnahme. Aussagekräftiger wird sie, wenn du BCS, Cresty Neck Score, Gewicht und Körpermaße regelmäßig dokumentierst – möglichst immer unter vergleichbaren Bedingungen.
Fotos von der Seite und von hinten, der Brustumfang sowie das Gewicht aus mehreren Berechnungsformeln oder von einer Pferdewaage helfen dir, Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Das ist wesentlich zuverlässiger als der tägliche Blick auf das eigene Pferd, denn schleichende Gewichtszunahmen fallen im Alltag oft kaum auf.
Wenn dein Pferd abnehmen soll, genügt es nicht, einfach pauschal das Futter zu kürzen. Raufuttermenge, Energiegehalt des Heus, Weidegang, Bewegung, Mineralstoffversorgung und mögliche Stoffwechselerkrankungen müssen gemeinsam betrachtet werden. Eine Heuanalyse und eine fachgerechte Rationsberechnung zeigen, wo tatsächlich zu viel Energie in die Ration gelangt und ob die Nährstoffversorgung trotz Gewichtsreduktion gesichert bleibt.
Mit dem G&H Rationsrechner Pferd kannst du die aktuelle Ration deines Pferdes erfassen und auf Grundlage der Heuanalyse überprüfen. In der Ausbildung zum Pferdeernährungsberater lernst du zusätzlich, BCS, Körpergewicht, Fütterungsmanagement und Stoffwechsellage fachlich zusammenzuführen.
Fazit: Nicht nur auf den Bauch schauen
Ob dein Pferd zu dick ist, erkennst du nicht an seinem Bauchumfang. Entscheidend sind die Fettauflagen an Hals, Schulter, Rippen, Rücken, Kruppe und Schweifansatz. Der Body Condition Score liefert dafür eine systematische Grundlage. Der Cresty Neck Score ergänzt die Beurteilung um das gesundheitlich besonders wichtige Fettdepot am Mähnenkamm.
Je früher du eine Gewichtszunahme oder regionale Fettpolster erkennst, desto gezielter kannst du Fütterung, Haltung und Bewegung anpassen – bevor aus einigen zusätzlichen Kilos ein ernsthaftes Stoffwechselproblem wird.