„Hafer macht Pferde verrückt.“ Diesen Satz hast du vermutlich schon gehört. Während er in manchen Ställen selbstverständlich im Futtertrog landet, wird er andernorts konsequent gemieden. Dafür stehen dort Müslisäcke, deren Inhalt nicht unbedingt besser zum Pferd passt.
Ich halte wenig davon, ein Futtermittel allein nach seinem Ruf zu beurteilen. Als Pferdewirtschaftsmeisterin und Tierernährungsberaterin schaue ich zuerst auf das Pferd: Welche Arbeit leistet es tatsächlich? Wie ist sein Körperzustand? Was bekommt es bereits über Heu und Weide? Erst dann lässt sich entscheiden, ob Hafer die Fütterung sinnvoll ergänzt.
Hafer hat gute Eigenschaften als Pferdefutter. Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes Pferd welchen braucht.
Was Hafer als Pferdefutter auszeichnet
Ein wesentlicher Vorteil des Hafers liegt in seiner Stärke. Sie ist für die Verdauungsenzyme des Pferdes vergleichsweise gut zugänglich und kann zu einem großen Teil bereits im Dünndarm aufgeschlossen werden. Gegenüber unbehandeltem Mais oder unbehandelter Gerste ist das ein deutlicher Vorteil. Wie gut die Stärke tatsächlich verdaut wird, hängt unter anderem von der Zerkleinerung beim Kauen und den individuellen Voraussetzungen des Pferdes ab.
Durch seine Spelzen enthält Hafer außerdem mehr Rohfaser als viele andere Getreidearten. Trotzdem bleibt er ein Kraftfutter: Die Fasern der Haferspelzen ersetzen weder die Struktur des Heus noch die ausgiebige Beschäftigung mit Raufutter. Hafer kann eine passende Grundfütterung ergänzen, aber ihre Schwächen nicht ausgleichen.
Neben Stärke liefert Hafer Fett, Eiweiß und verschiedene Mineralstoffe. Diese Inhaltsstoffe gehören bei der Rationsgestaltung mit berücksichtigt. Ein einzelnes Getreide ist jedoch noch keine ausgewogene Versorgung.
Auch in der naturheilkundlich orientierten Ernährungsberatung lohnt sich dieser genaue Blick. Für mich bedeutet eine ganzheitliche Betrachtung, das Futtermittel zusammen mit Verdauung, Bewegung, Haltung und dem Zustand des Pferdes zu beurteilen.
Braucht dein Pferd Hafer – und macht er wirklich unruhig?
Viele Freizeitpferde können ihren Energiebedarf bereits über geeignetes Grundfutter decken. Eine tägliche Portion Hafer ist deshalb keine Selbstverständlichkeit. Bei höherer Arbeitsleistung kann zusätzliche Energie dagegen notwendig sein; dann kommt Hafer als Ergänzung infrage.
Dabei lohnt es sich, die tatsächliche Belastung ehrlich einzuschätzen. Ein gemütlicher Ausritt stellt andere Anforderungen als regelmäßiges, intensives Training. Auch die übrige Fütterung muss berücksichtigt werden: Wer zusätzlich zum Hafer Müsli oder anderes Kraftfutter gibt, darf jede Portion nicht für sich allein betrachten.
Und was ist mit dem sprichwörtlichen „Haferstich“? Ich würde bei einem auffällig lebhaften Pferd zunächst die gesamte Energieversorgung und die Bewegungsmöglichkeiten prüfen. Ebenso gehören Haltung, Stress und mögliche Beschwerden in die Betrachtung. Aus einer Verhaltensänderung allein lässt sich nicht ableiten, dass Hafer grundsätzlich ungeeignet ist.
Eine klare Einschränkung gibt es bei Pferden mit gestörter Insulinregulation, etwa im Zusammenhang mit dem Equinen Metabolischen Syndrom. Hier passt stärkereiches Getreide in der Regel nicht in die Fütterung. Die gute Dünndarmverdaulichkeit der Haferstärke macht Hafer nicht automatisch zu einem geeigneten Futter für stoffwechselempfindliche Pferde.
Die Hafermenge muss zum Pferd und zur Mahlzeit passen
Auf die Frage „Wie viel Hafer darf mein Pferd bekommen?“ gibt es keine seriöse Antwort, die für alle Pferde gilt. Entscheidend sind der zusätzliche Energiebedarf, die gesamte Ration und die Verträglichkeit.
Dabei zählt nicht nur die Tagesmenge. Auch die Portion pro Mahlzeit ist wichtig, denn die Stärkeverdauung im Dünndarm hat Grenzen. Gelangt zu viel unverdaute Stärke in den Dickdarm, wird sie dort von Mikroorganismen abgebaut. Das kann das Darmmilieu verändern und die faserverdauenden Mikroorganismen beeinträchtigen.
Benötigt dein Pferd Kraftfutter, verteile es deshalb auf mehrere kleine Mahlzeiten. Futterumstellungen sollten schrittweise erfolgen. Berücksichtige dabei auch die Stärke aus anderen Futtermitteln.
Zum Abmessen empfehle ich dir eine Waage. Eine Schaufel ist kein verlässliches Maß: Je nach Haferqualität und Verarbeitung kann dieselbe Schaufel unterschiedlich viel wiegen. Wiege deine übliche Portion einmal ab, damit du weißt, was tatsächlich im Trog landet.
„Ob diese Menge zur Versorgung passt, lässt sich mit einer Rationsberechnung überprüfen. Wie das funktioniert und welche Angaben du dafür brauchst, erfährst du im Beitrag Rationsberechnung Pferd: Fütterung richtig prüfen.“
Im Rationsrechner für Pferde kannst du Grundfutter, Hafer und Ergänzungen gemeinsam betrachten und Bedarf und Versorgung vergleichen.
Ganzer oder gequetschter Hafer – und welche Qualität?
Ein Pferd mit gut funktionierendem Gebiss kann ganzen Hafer normalerweise ausreichend zerkauen. Quetschen ist deshalb nicht grundsätzlich erforderlich. Werden die Körner nur unzureichend zerkleinert, kann gequetschter Hafer sinnvoll sein. Maßgeblich ist die tatsächliche Kaufähigkeit und nicht allein das Alter des Pferdes.
Gequetschten Hafer solltest du möglichst frisch beziehen, sorgfältig lagern und zügig verbrauchen. Durch das Aufbrechen des Korns werden seine Inhaltsstoffe stärker den Einflüssen von Luft und Feuchtigkeit ausgesetzt.
Bei Gelb-, Weiß- oder Schwarzhafer würde ich die Kaufentscheidung nicht allein an der Farbe festmachen. Wichtiger sind saubere Ware und eine einwandfreie Lagerung. Der Hafer sollte unauffällig frisch riechen und keine auffällige Staubentwicklung, Verklumpungen oder sichtbaren Schimmel zeigen. Muffiger Geruch ist ein Warnsignal.
Eine Prüfung mit Augen und Nase ist hilfreich, kann hygienische Belastungen aber nicht sicher ausschließen. Auch ein Wasserglastest liefert keinen verlässlichen Nachweis dafür, dass Hafer frei von Schimmelpilzen oder anderen Belastungen ist. Bei Zweifeln ist eine Futtermitteluntersuchung sinnvoll. Für die fachliche Qualitätsbeurteilung werden unter anderem mikrobiologische Untersuchungen eingesetzt.
Grünhafer ist übrigens keine weitere Kornfarbe. Hier wird die noch grüne Haferpflanze genutzt. Er lässt sich deshalb bei der Rationsberechnung nicht einfach mit Haferkörnern gleichsetzen.
Hafer braucht eine passende Ergänzung
Hafer enthält deutlich mehr Phosphor als Calcium. Deshalb muss geprüft werden, wie er zusammen mit dem Grundfutter die Mineralstoffversorgung beeinflusst. Daraus folgt jedoch nicht, dass jedes Pferd mit Hafer automatisch dieselbe Calciumzulage braucht: Auch Heu, Weide und weitere Futtermittel liefern Mineralstoffe.
Ich empfehle daher, Mineralfutter passend zur gesamten Ration auszuwählen. So lässt sich gezielt ergänzen, was fehlt, ohne vorsorglich immer mehr Produkte in den Trog zu geben.
Wenn du solche Zusammenhänge für dein eigenes Pferd oder in deiner Beratung sicher beurteilen möchtest, vermittle ich dir in meiner Ausbildung zum Pferdeernährungsberater die fachlichen Grundlagen und ihre praktische Anwendung.
Hafer kann ein gut geeignetes, überschaubares Kraftfutter sein. Ob er deinem Pferd nützt, entscheidet sich an seinem Bedarf, der gefütterten Menge und der Qualität. Genau dort beginnt für mich eine verantwortungsvolle Pferdefütterung.