Die Raufe ist geöffnet, das Heu steht bereit – aber wie viel frisst jedes Pferd tatsächlich?
Zeitgesteuerte Raufen können Fresszeiten strukturieren. Die aufgenommene Heumenge des einzelnen Pferdes lässt sich daraus jedoch nicht automatisch ableiten.
Futteraufnahme, Trockensubstanz und Rohfaser richtig einschätzen
Wie viel Heu frisst ein Pferd am Tag? Auf diese scheinbar einfache Frage gibt es keine pauschale Antwort. Körpergewicht, Pferdetyp, Leistung, Zähne, Futterqualität, Haltung und die verfügbare Fresszeit beeinflussen, welche Menge ein Pferd tatsächlich aufnimmt.
Hinzu kommt ein wichtiger Unterschied: Der Bedarf eines Pferdes ist nicht automatisch identisch mit seinem Futteraufnahmevermögen. Ein leichtfuttriges Pferd kann bei Heu zur freien Verfügung deutlich mehr Energie aufnehmen, als es im Erhaltungsbedarf benötigt. Umgekehrt können langsame Fresser, ältere Pferde oder Pferde mit Zahnproblemen trotz eines ausreichenden Futterangebots zu wenig aufnehmen.
Deshalb reicht es nicht, nur die angebotene Heumenge zu wiegen. Entscheidend ist, was das einzelne Pferd tatsächlich frisst – und wie viel Trockensubstanz und Rohfaser es damit aufnimmt.
Futtermenge ist nicht gleich Trockensubstanz
Wenn wir Heu und Gras miteinander vergleichen, müssen wir zunächst das enthaltene Wasser herausrechnen. Übrig bleibt die Trockensubstanz, abgekürzt TS. Sie umfasst die Nährstoffe und übrigen festen Bestandteile des Futters.
Ein Beispiel:
- 12 kg Heu mit 86 % Trockensubstanz enthalten rund 10,3 kg TS.
- 50 kg Gras mit 20 % Trockensubstanz enthalten 10 kg TS.
Die Frischmengen sehen völlig unterschiedlich aus. Hinsichtlich der aufgenommenen Trockensubstanz sind sie jedoch fast gleich. Deshalb muss ein Pferd wesentlich mehr Kilogramm Gras als Heu fressen, um eine vergleichbare Menge an Trockensubstanz aufzunehmen.

Wie hoch ist das theoretische Futteraufnahmevermögen?
Das Futteraufnahmevermögen kann über das metabolische Körpergewicht abgeschätzt werden. Für ein Pferd im Erhaltungsbedarf kann als mittlere Orientierung mit etwa 90 bis 110 g Trockensubstanz je Kilogramm metabolischer Körpermasse gerechnet werden. Als leicht verständlicher Mittelwert lassen sich 100 g verwenden.
Das metabolische Körpergewicht wird folgendermaßen berechnet:
Körpergewicht⁰·⁷⁵
Für ein 600 kg schweres Pferd ergibt sich ein metabolisches Körpergewicht von rund 121 kg.
121 kg × 100 g Trockensubstanz = 12.100 g beziehungsweise 12,1 kg TS
Diese theoretische Trockensubstanzaufnahme entspricht ungefähr:
- 14 kg Heu bei 86 % TS oder
- 67 kg Gras bei 18 % TS.
Das ist eine rechnerische Orientierung und keine feste Futtervorgabe. Die tatsächliche Aufnahme kann erheblich schwanken. In Abhängigkeit von Pferdetyp, Leistung und Fütterung werden Größenordnungen von etwa 1,7 bis 3,5 % der Körpermasse als Trockensubstanzaufnahme beschrieben.
Bei einem 600-kg-Pferd wären das zwischen 10,2 und 21 kg TS pro Tag.
Gerade dieser große Bereich zeigt: Eine Tabelle kann den Blick auf das einzelne Pferd nicht ersetzen.
Aufnahmevermögen und Bedarf sind nicht dasselbe
Ein Pferd frisst bei unbegrenztem Angebot nicht automatisch genau die Menge, die seinen Energiebedarf deckt. Besonders leichtfuttrige Pferde und Ponys können mit frei verfügbarem, energiereichem Heu deutlich mehr Energie aufnehmen, als sie im Erhaltungsbedarf verbrauchen.
Das bedeutet aber nicht, dass lange Fresspausen oder eine drastische Einschränkung des Grundfutters die richtige Lösung wären. Die Ration muss gleichzeitig mehrere Anforderungen erfüllen:
- ausreichende Versorgung mit Grundfutter
- genügend Trockensubstanz und Rohfaser
- lange Fress- und Kauzeiten
- passende Energiezufuhr
- verträgliche Fütterungstechnik
- möglichst kurze Fresspausen
Bei Pferden im Erhaltungsbedarf wird für die Grundfutteraufnahme häufig mit etwa 1,5 bis 2 % der Körpermasse gerechnet. Für ein 600 kg schweres Pferd entspricht das etwa 9 bis 12 kg Grundfutter pro Tag. Die Angabe muss jedoch immer zum Futtermittel und zu dessen Trockensubstanzgehalt passen:
10 kg Heu sind nicht mit 10 kg frischem Gras gleichzusetzen.
Eine absolute Untergrenze ist außerdem nicht automatisch eine optimale Versorgung. Nach den Fütterungshinweisen der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie müssen mindestens 1 kg Grobfutter je 100 kg Lebendmasse zur Verfügung stehen. In der praktischen Rationsgestaltung ist jedoch zu prüfen, ob damit Trockensubstanz, Rohfaser, Kauzeit und individuelles Verhalten ausreichend berücksichtigt werden.
Warum die Rohfaser dazugehört
Die Grundfuttermenge allein sagt noch nicht, wie faserreich eine Ration tatsächlich ist. Dafür muss der Rohfasergehalt der Gesamtration in der Trockensubstanz betrachtet werden.
Für ein Pferd im Erhaltungsbedarf kann ein Rohfasergehalt von etwa 25 bis 30 % der Trockensubstanz angestrebt werden. Der Wert sollte langfristig nicht unter etwa 21 % liegen.

Diese Prozentwerte dürfen nicht mit dem Anteil Heu an der Ration verwechselt werden. Gemeint ist der analytisch bestimmte Rohfasergehalt der gesamten aufgenommenen Trockensubstanz.
Wie viel Rohfaser das Pferd tatsächlich erhält, hängt daher nicht nur von der Heumenge ab, sondern auch von:
- Schnittzeitpunkt und Pflanzenbestand
- Blatt-Stängel-Verhältnis
- Rohfasergehalt des Heus
- Menge und Zusammensetzung ergänzender Futtermittel
- tatsächlich aufgenommener Futtermenge
Ein frühes, weiches und energiereiches Heu kann sich deutlich von einem später geschnittenen, strukturreicheren Heu unterscheiden. Verlässliche Werte liefert nur eine Futteranalyse.
Praxisversuch: Wie schnell frisst dein Pferd Heu?
In meiner Ausbildung zur Pferdeernährungsberaterin lasse ich die Teilnehmer die Fressgeschwindigkeit eines Pferdes praktisch ermitteln. Dieser kleine Fütterungsversuch zeigt häufig sehr deutlich, wie weit ein Tabellenwert und das einzelne Pferd auseinanderliegen können.
Vorbereitung
Das Pferd sollte den Versuch ruhig und ohne Futterkonkurrenz durchführen können. Es darf vorher nicht ungewöhnlich lange gehungert haben. Aufregung, Futterneid oder großer Hunger verfälschen das Ergebnis.
Benötigt werden:
- eine genaue Waage
- 500 g des normalerweise gefütterten Heus
- eine Stoppuhr
- eine geeignete, dem Pferd vertraute Fütterungsvorrichtung
Die Fütterungstechnik muss dokumentiert werden. Aus einer Raufe, vom Boden und aus einem engmaschigen Heunetz kann dasselbe Pferd sehr unterschiedlich schnell fressen.
Durchführung
- 500 g Heu genau abwiegen
- Das Pferd in Ruhe fressen lassen
- Berechnung für die stündliche Aufnahme
0,5 kg ÷ benötigte Minuten × 60 = kg Heu pro Stunde
Benötigt das Pferd beispielsweise 25 Minuten für 500 g Heu, ergibt sich:
0,5 kg ÷ 25 × 60 = 1,2 kg Heu pro Stunde
Drei Pferde, drei Fressgeschwindigkeiten
Wie groß die individuellen Unterschiede sein können, zeigte ein Fütterungsversuch mit drei Pferden. Jedes Pferd erhielt 500 g Heu:
Pferd | Fütterung | Zeit für 500 g Heu | Rechnerische Aufnahme pro Stunde |
Knabstrupper, vorn | ohne Maulkorb | 12 Minuten | 2,5 kg Heu/Stunde |
Pony, Mitte | ohne Maulkorb | 21 Minuten | rund 1,43 kg Heu/Stunde |
Haflinger, hinten | mit Maulkorb | 20 Minuten | 1,5 kg Heu/Stunde |
Der Knabstrupper fraß dieselbe Heumenge nahezu doppelt so schnell wie die beiden anderen Pferde. Pony und Haflinger benötigten trotz unterschiedlicher Fütterungstechnik fast gleich lange.
Das Ergebnis des Haflingers beweist allerdings nicht, dass der Maulkorb wirkungslos ist. Dafür müsste dasselbe Pferd unter vergleichbaren Bedingungen zusätzlich ohne Maulkorb getestet werden. Erst der direkte Vergleich am einzelnen Pferd zeigt, wie stark eine bestimmte Fütterungstechnik dessen Aufnahme tatsächlich verlangsamt.
